Das Ringen um Follower macht mich müde

Ich rolle mich in meinem Bett von links nach rechts. Der grelle Bildschirm meines Rechners tut mir in den Augen weh. Vor mir strahlt ein leeres Word-Dokument. Es ist nicht so, als hätte ich nicht schon zig Sätze angefangen. Meine Sätze fangen zielstrebig an, führen aber ins Nichts.

Themen, die mich beschäftigen, zu denen ich eine logische Argumentationsfolge habe, wenn ich mit Freunden darüber spreche, gehen mir durch den Kopf, in die Finger und verlieren sich nach zwei Sätzen, wo sie dann in einem Word-Dokument ihr jähes Ende finden. Alles, was meine Fingerspitzen in die klappernde Tatstatur hacken, ist irgendwie nicht gut genug. Und so ist die einzig logische Schlußfolgerung, die ich nach jedem abgebrochenen Satz finde: Apfel A - Backspace.

Leeres Blatt. Noch ein Thema, das gescheitert ist, bevor ich es überhaupt zu Ende denken konnte.

Bin ich zu verkopft? Bin ich urlaubsreif? Habe ich verlernt, zu schreiben? Oder gar, mir tiefer gehende Gedanken zu machen und diese zu einem Fazit zu führen? Oder bin ich einfach super unmotiviert, wenn ich sehe, wie gepushte Insta-Reichweiten einen Auftrag nach dem anderen bekommen und harte, ehrliche Arbeit nicht richtig anerkannt wird? 

Ich scrolle durch Social Media. Auf Instagram wie immer Friede, Freude, Eierkuchen. Perfekt gestählte Körper, perfekt gebräunt neben der #superyummy angerichteten Frühstücks-Bowl. Und noch ein Mädel von nebenan, nie gehört, mit sechstelliger Followerzahl.

DAS RINGEN UM FOLLOWERZAHLEN MACHT MICH MÜDE, MÜRBE, TRÄGE

Es blockieren mich Zweifel über die Entwicklung der Blogosphäre. Über meine Entwicklung. Ich fühle diesen Groll über mich selbst, dass ich immer mit irgendetwas unzufrieden bin. Und ich fühle Druck.

Es ist nicht so, dass ich jemand mit wenig Selbstvertrauen wäre. Ich bin eine Kämpfernatur. Ich bin eigensinnig und liebe neue Herausforderungen. Aber dieses Ringen um Anerkennung auf dem Blogger-Markt aka das Ringen um Followerzahlen auf Instagram, macht mich müde, mürbe, träge. Es trübt meine Freude. Meine Freude, mit Kunden zu sprechen, meine Freude, neue Blogger kennenzulernen und meine Freude, zu posten. Alles, was mir sonst Spaß macht, scheint auf einmal "nicht mehr genug" gemessen an dem einen Maßstab, der nur noch zu zählen scheint – bei Kundengesprächen, bei vermeintlichen Freundschaften unter Bloggern und anscheinend auch beim Selbstbwertgefühl eines Bloggers: Reichweite auf Instagram.

Es macht mich müde, zu erklären, dass von der Instagram-Reichweite nicht automatisch Rückschlüsse auf den Blog gezogen werden können und andersherum. Es macht müde, dass anscheinend kaum einer checkt, dass nicht jeder gleich Insta-Fame ist, nur weil die Zahlen schön wirken. Ich scheine ein einsamer Kämpfer an ewiger Front zu sein. Es kann doch nicht sein, dass anscheinend kein Instagram-Account mehr genauer hinterfragt wird?!

„BOTS UND FOLLOWERKAUF SIND WIE DOPING IM SPORT“ – André Krüger via wuv.de

Es gibt zahlreiche Mittel und Wege die Follower-, sowie die Likezahlen nach oben zu korrigieren. Das ist nicht einmal mehr ein offenes Geheimnis, das ist Realität. Es gibt sogar Blogger und andere Medien, die bereits darüber berichtet haben. Trotzdem wird diese Realität gerne verdrängt. Wer sich selbst überzeugen möchte, der schaut Nachts einfach 'mal bei Instagram vorbei: Denn da wird ganz schnell unter den Interaktionen sichtbar, wer anscheinend mit Bots arbeitet und diese im Namen des eigenen Accounts merkwürdige, nicht wirklich zu dem Account passende Fotos liken lässt und sich dadurch eine Reichweiten-Steigerung erhofft. Außerdem kommt es tatsächlich immer noch vor, dass der ein oder andere Account über Nacht plötzlich unfassbar viele neue Follower generiert hat und nur wenige Wochen später eine Kooperation nach der anderen abstaubt. Um André Krüger aus seinem sehr pointierten Beitrag auf wuv.de vom 1. Juni 2017 zu zitieren:

„Bots und Followerkauf sind wie Doping im Sport“. Außerdem fasst er gut zusammen: „Geschädigte des Influencer-Dopings sind nicht nur die Auftraggeber, die zu hohe Honorare bezahlen.“(…)“Geschädigt sind aber natürlich auch – und das sind die meisten – Influencer, die auf organisches Wachstum und Interaktionen setzen. Angesichts schnell aufstrebender neuer Sternchen sehen sie sich vor dem Problem, dass sie nicht nur weniger Aufträge erhalten, sondern – dem Algorithmus sei Dank – auch noch weniger sichtbar werden als ihre dopenden Mitbewerber. Der ehrliche Influencer ist der Dumme, denn welches Unternehmen spannt schon gern einen vermeintlichen Underperformer vor seinen Karren?“

Danke für diese pointierten und reflektieren Worte! Besser hätte ich es nicht auf den Punkt bringen können. Gefühlt habe ich es aber schon lange und wunder mich immer wieder, dass meine Blogpartnerin Enita und ich beim Austausch mit potentiellen Kunden immer noch Aufklärungsarbeit leisten und uns für unsere vermeintlich „schlechte“ Sichtbarkeit, weil ehrliches Wachstum, rechtfertigen müssen.

DIE BOTS-BLASE MÜSSTE PLATZEN UND SO KÖNNEN WIEDER FAIRE WETTBEWERBSBEDINGUNGEN HERRSCHEN

Wenn sich quasi jeder über Nacht eine Reichweite hochzüchten könnte, macht das Business nicht viel Spaß. Denn ehrlichen Bloggern wird so zum Teil die Existenzgrundlage geraubt, indem Agenturen und Kunden anderen Instagrammern eine schlechtere Sichtbarkeit und Reichweite "attestieren", weil im Hintergrund eben nicht "gedopt" wird. Man kann nur hoffen, dass diese Bots-Blase irgendwann platzt und wieder für faire Wettbewerbsbedingungen gesorgt wird.

16 comments

  1. Verena

    so ein toller Beitrag liebe Vicky! Ich fühle mit dir! Die Zeit, zu wachsen und gesehen zu werden, scheine ich verpasst zu haben und umso mehr ist gerade dieser Druck da mithalten zu müssen...die Bilder werden immer aufwendiger und gefälschter und den eigenen Spaß verliert man, denn wofür nur ehrlicher Content, wenn er nicht gesehen und gelesen wird? Ich hoffe auch auf Veränderung aber wie lange kann man darauf warten ohne komplett den Anschluss zu verlieren? eine Frage die ich auch noch nicht beantworten kann. Liebe Grüße, Verena www.somehappyshoes.com

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    1. Vicky

      Danke liebe Verena! Ja, die habe ich glaube ich auch verpasst 😀 Und wenn man als Blogger arbeitet ist es eben nicht so leicht, einfach nicht so viel Energie dort hinein zu stecken. Denn ich bin grundsätzlich ein Typ, der sich denkt "So what, der Blog ist der Kern", aber man wird ja immer wieder nur und ausschließlich gefragt, wie viel Follower man hat. Aber es ist definitiv spannend das Feedback zu erhalten, dass es anscheinend sehr vielen so geht.

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  2. Rebecca

    Ein toller Beitrag zu diesem Thema. Ich bin schon lange müde und habe daher beschlossen, mich mehr auf meinem Blog zu konzentrieren. Ich hoffe das der ganze Spuk irgendwann vorbei ist. Leider weiß aber niemand genau , wie man all dem ein Ende setzen kann. :-/ Da hilft nur eins: Durchhalten. :-) Liebe Grüße Rebecca

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    1. Vicky

      Das finde ich aber auch total schade, wenn du das Bloggen deswegen links liegen lässt 🙁 Man darf nicht den Mut verlieren und einfach hoffen, dass der Spuk wirklich irgendwann vorbei ist. Bis dahin solltest du dich auf deinen Blog konzentrieren. Denn der ist nicht abhängig von einem Algorithmus. Liebe Grüße, Vicky

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  3. Kato

    Liebe Vicky, die Frage ist doch: wen wollen die Firmen buchen, jemanden mit Reichweite XY oder jemanden mit Persönlichkeit? Im Rennen um die höchsten Zahlen kannst du nicht gewinnen. (Das ist nicht böse gemeint, sondern ein Fakt. Bots und so.) Wie wäre es denn, diese Zahlen einfach mal Zahlen sein zu lassen und sich wieder auf Individualität zu konzentrieren? Dann bucht die Firma nicht "eine von diesen Insta-Mädels mit 50k" sondern "DIE Vicky mit dem [besonderes Merkmal hier einfügen]". Die Challenge ist eben, sich aus dem Schwarm loszureißen und in eine andere Richtung zu schwimmen. Viele Grüße, K.

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    1. Vicky

      Ja, das ist ein trauriger Fakt. Es ist aber auch traurig, dass durch Fake-Reichweiten anderen durch den Algorithmus die Chance geraubt wird, weiter und vor allem ehrlich zu wachsen, da in der Ausspielung und Sichtbarkeit dann diese "gedopten" Profile bevorzugt ausgespielt werden. Anderen wird also durch das Cheaten mancher die Chance genommen, das Wachstum zu erhalten, das sie verdienen.

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  4. cherrytracy

    Hey Vicky, vielen Dank für diesen ehrlichen Blogpost. In letzter Zeit berichten einige Blogger darüber, dass sie kaum noch Follower generieren können. Seit der Einführung des Algorithmus und der Umstellung der "Timeline", stehen die großen Instagram Accounts ganz weit oben. Die Bilder von meinen Freunden werden so verdrängt, dass ich die meisten großen Accounts wie z. B. von Stars entfolgen musste. Wo ist der Sinn von Instagram hin? Sollen die großen Accounts weiter gepusht werden? Mittlerweile habe ich das Gefühl, dass die Bots, welche einen Folgen und am nächsten morgen entfolgen, weniger geworden sind. Ich kann die Zukunft von Instagram nicht abschätzen, negativ oder doch positiv? Ich weiß es nicht. Ich hoffe nur, dass die Unternehmen aufwachen und wieder mehr Wert auf die Kreativität und Individualität legen. Wir blogger sollten mehr zusammen halten und nicht aufgeben. Es werden bessere Zeiten kommen. Bin zwar nicht so aktiv wie du auf Instagram aber kann diese Situation super nachvollziehen. xoxo, cherrytracy

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    1. Vicky

      Ja, dieses Phänomen kenne ich auch. Und es ist doch ein Teufelskreis, oder? Denn Instagrammer, die dieses Sichtbarkeitsproblem haben, fühlen sich gezwungen, solche Maßnahmen zu ergreifen, um im Algorithmus Bestand zu haben. Dadurch schädigen sie aber anderen (wahrscheinlich ungewollt, da es ihnen vorher wahrscheinlich auch so gegangen ist), indem die Sichtbarkeit derer, die auf "echtes" Wachstum setzen, runtergeschraubt wird.

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  5. Herbert Linke

    Ja das kenne ich und glaube, dass es müde machen kann. Der Wettkampf um die besten Plätze wird immer härter und bei den vielen Millionen Webseiten, wo jeder natürlich vorne stehen möchte, ist das ein harter Kampf. Aber in der Berufswelt bei Festangestellten sieht es jetzt mittlerweile auch nicht anders aus. Selbstverteidigung http://www.salustua.de

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    1. Vicky

      Da hast du natürlich einen guten Punkt getroffen. Vielleicht muss man als "alter" Blogger einfach lernen zu akzeptieren, dass das Bloggen inzwischen ein knallhartes Business geworden und nicht mehr so schön flauschig wie früher ist.

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  6. Antonia

    Ich kann deinen Unmut nur zu gut verstehen! Vielen Profilen sieht man allerdings auch an, dass sie "dopen". Da stellt sich bei mir die Frage: Merken die Unternehmen das nicht? Hoffentlich entwickelt bald mal jemand ein Programm dagegen, das eingesetzt wird! LG Antonia https://www.on-twos-own.com

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    1. Vicky

      Ja, man sieht es ihnen an und man sieht es mit eigenen Augen in den nächtlich merkwürdigen Interaktionen, sowie dem magischen Follower-Zuwachs über Nacht. Nichts desto trotz haben solche Influencer auf einmal eine größere Sichtbarkeit, was sich in weiterem Zuwachs und höhren Likezahlen widerspiegelt, wovon sich einige Agenturen und Brands anscheinend gerne blenden lassen.

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  7. Viola

    Hi Vicky, ein unglaublich toller Post! Vielleicht öffnet es ja einigen die Augen, auch wenn andere ähnliche Liste das noch nicht geschafft haben. Aber irgendjemand muss ja den Anfang machen und gegen den Strom schwimmen. Gerade als Blogeinsteiger scheint es heutzutage schier unmöglich eine große Reichweite zu erlangen. Aber vielleicht tröstet es, wenn man sich darauf besinnt, weshalb man eigentlich blogt. Weil man Spaß am Schreiben hat und zum Austausch Gleichgesinnten also Interessierten. D.h. die, die es wirklich interessiert lesen und folgen dem Blog. Und darauf kommt es doch letztendlich an. Hohe Followerzahlen, die der Blog aber gar nicht interessiert, bringen also auch keine wirkliche Erfüllung. http://www.enjoylifestyle.de

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    1. Vicky

      Da hast du recht und ja, ich versuche mich immer wieder darauf zu besinnen, warum ich blogge. Wenn von außen aber kein Umdenken stattfindet, fässt man sich einfach an den Kopf und es scheint wie der bekannte Kampf gegen Windmühlen. Aber Ausdauer und Ehrlichkeit werden sicher belohnt 🙂

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  8. Pippa

    Ich habe mich schon seit einiger Zeit gewundert, dass NoNames tausende Follower haben. Für mich war es im außen, also nach den Bildern und auch Themen absolut nicht nachvollziehbar. Jetzt bin ich im Bilde. Vielen Dank für die Aufklärung. Ist ganz schön schön eklig, passt aber irgendwie in die monentane Zeit. Ich freue mich über deinen Blog und wünsche mir weiterhin eine authentische Vicky. Herzallerliebst

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    1. Vicky

      Das ist total lieb, vielen Dank! Und es motiviert, dass es anscheinend Menschen da draussen gibt, die Authentizität spüren und sich darüber freuen. Danke für dein tolles Feedback :-*

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