Digital Detox

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digital-detox-01Ich habe das Gefühl, das Leben läuft gerade nur so an mir vorbei. Es läuft und es passiert und das ständig, so dass ich langsam abstumpfe und nichts mehr dabei fühle. Ich nehme nur noch wahr und versuche alles, was um mich herum passiert, so schnell wie möglich zu digitalisieren, um es ins WWW zu pusten und das möglichst auch noch öfter, schneller und besser als die "Konkurrenz".

Es verschieben sich die Grenzen zwischen Dingen, die mir wirklich wichtig sind und Dingen, die von anderen als wichtig empfunden werden. Ich blogge eigentlich aus Idealismus, nicht um Zahlen hinterherzurennen. Aber diese andere Realität wird ohne, dass ich es merke, zu meiner eigenen. Das läuft auch alles ganz gut. Bis dann auf einmal mein Umfeld zu mir sagt: "Vicky, was ist bloß bei Dir los? Du bist nur noch am Arbeiten, komm doch mal wieder im Hier und Jetzt an."

Puh, harte Worte. Aber sie regen mich rum Grübeln an. Es ist halt extrem schwer, wenn man sich jahrelang etwas aufgebaut, zu sagen: "Bis hier hin und nicht weiter!"

Es muss aber ein Break her. Eine Pause von all dem Abgelenktsein. Ein Break von den digitalen Medien und dem sich selbst Darstellen im Internet und dem Denken, dass das die einzige Realität sei, die etwas bedeutet. Ein Break von all den neuen, gleich aussehenden Blogs, die die alten authentischen Hasen hinter sich lassen. Ich will das alles nicht mehr verfolgen. Einfach raus!

Wo die Reise hingeht? Durch Schweden. Ich habe ganz klischeebehaftet in einem kleinen Holz-Haus gewohnt.

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Anreise

Acht Stunden Autofahrt. Acht Stunden, in denen ich noch kurz vor dem Entzug unentwegt mein Instagram nach unten ziehe und meinen Facebook-Feed aktualisiere. Während ich dies tue, fällt mir auf, dass es mir wirklich schwer fallen wird, diese scheinbar schon automatisierte Daumenbewegung eine Zeit lang nicht mehr machen zu können.

Aber es ist an der Zeit. An der Zeit, seine Gedanken nicht mit dem Flimmern des Laptop-Bildschirms zu vernebeln und seine Umwelt kaum noch wahrzunehmen, weil man einfach ständig auf den Handyscreen starrt. So selbstreflektiert bin ich immerhin, dass ich mir dessen bewusst bin.

Aber es ist trotzdem ein Kampf: Vernunft gegen – ich muss es so nennen – Sucht.

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Tag 1

Ankunft - das Handy wird ausgeschaltet und von meinem Boyfriend versteckt. Erste Eindrücke sammeln (natürlich mit der Cam): Holzhaus, rot, Kamin, Schafe vor der Tür, daneben eine private Sauna, Badesee und vor allem eins: Stille!

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Tag 2

Ich wache irgendwann auf. Ich weiss nicht wie spät es ist. Uhr? Die ist aufm Handy und das ist gefühlt unerreichbar weit weg. Ich spüre eine friedliche Ruhe. Das Gefühl, dass ich nichts verpasse, wenn ich mich einfach noch einmal umdrehe und weiterdöse, kommt in mir auf. Und genau das mache ich auch: Weiterdösen.

In Hamburg wäre ich bei dem ersten Gedanken an meinen Blog oder mein Telefon aufgesprungen und hätte mit dem Arbeiten losgelegt. Nicht hier, denn hier gibt es keine Arbeit. Hier scheint nicht einmal das Wort "Arbeit" zu existieren. Ein schöner Gedanke. Ich schlafe also einfach weiter bis ich aufwache und denk, es sei schon 15 Uhr. Ich verlasse mich auf meinen Biorythmus, den haben wir schließlich alle. Irgendwann bin ich ausgeschlafen, also stehe ich auf.

Frische Eier vom Bauernhof nebenan. Kein Handy, kein Laptop, keine Geräusche ausser dem Wind, der um das süße, kleine Holzhaus pfeifft.

Ich nehme mir lange Zeit für das Frühstück und merke, dass ich mich intensiv damit beschäftige, wie sich die Blätter im Wind bewegen. Es wirkt jetzt schon unheimlich befreiend, nicht ständig Likes, Kommentare und Nachrichten checken zu müssen. Mal ganz abgesehen von dem fehlenden Gefühl, dass man ja doch noch ein Outfit schiessen und vorbereiten könnte. Der Drang, sich Freunden und euch als meinen Lesern mitteilen zu wollen und diesen Moment vor allem teilen zu wollen, ist allerdings noch da.

Mir wird bewusst, wie sehr das sonst meine Gedanken einnimmt. Ich atme tief ein. Denn jetzt bin ich einfach hier in diesem Moment, genieße das Essen mit dem Wissen: genau das ist erst einmal meine Aufgabe heute und zwar für so lange ich will.

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Tag 3

Aufstehen – essen – lesen – schlafen – lesen und wieder schlafen
Es überrascht mich, dass ich am Tag sehr viele Müdigkeitsphasen erlebe, die ich sonst nicht habe bzw. nicht wahrnehme oder gar im Keim ersticke, indem ich ständig Kaffee und Cola in mich rein kippe.

Im Arbeitsalltag ist Müdigkeit der Feind. Sie ist unproduktiv, schwach und wird in unserer Leistungsgesellschaft nicht akzeptiert.

Müde = Leistungsunfähig.

Aber hier genieße ich es, müde zu sein. Ich liebe es sogar, ganz in dieses intensive Gefühl einzutauchen, das meine Glieder schwer werden lässt und diesem müden Gefühl langsam aber sicher nachzugeben, hinzugeben.

Was ich sonst mache? Ich lese. Dafür nehme ich mir sonst selten Zeit. Ich sage sogar von mir: Ich kann nicht lesen. Ich bin dazu in der Lage, ja. Aber ich kann meine Gedanken nicht auf einen Text, von dem ich weiss, dass er sich über mehrere hundert Seiten erstreckt, fokussieren. Bücher sind für mich der Horror. Und jetzt? Ich freue mich richtig darauf, ein Buch mit dem Wissen in die Hand zu nehmen, dass ich mich in den nächsten Stunden mit nichts anderem beschäftigen werde und es auch gar nicht muss. Herrlich!

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Tag 4

Ich schlafe wie ein Baby, tief und fest und fühle mich sehr erholt und ausgeglichen. Aber ich muss im selben Atemzug gestehen, dass ich es nicht ganz eine ganze Woche geschafft habe, mein Handy in Ruhe zu lassen.

Nach drei tollen Tagen ohne Telefon habe ich am vierten Tag die Regeln etwas gelockert, da ich den Weg zum nächsten Elchpark finden wollte. Der Moment, das Ding wieder einzuschalten war echt ein bisschen aufregend, weil man dann schon denkt: "Was habe ich bloss verpasst?"

Aber nach einigen Geschäftsmails und Nachrichten, die ich gecheckt habe, wurde mir klar, dass die digitale Welt da draussen immer noch so ist wie vorher. Komischerweise denkt man irgendwie, dass sich alles andere auch ändert, wenn man selbst so etwas durchmacht. Aber so ist es natürlich nicht. Etwas enttäuscht von mir selbst, dass ich es nicht lassen konnte, meine Mails zu checken, schalte ich das Handy schnell wieder aus.

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Tag 5-7

Ich habe das Handy nur wenig benutzt. Diese gezielte Nutzung war auch eine neue Erfahrung für mich und ist durchaus angenehm. 

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Fazit

Ich frage mich: Wie kann es soweit kommen, dass Leute vor dem Übermaß an Erreichbarkeit und dem Überangebot an Informationen fliehen müssen? Dabei wird mir bewusst, dass ich auch noch ein Teil des ganzen bin. Ich bin ja auch eine Person, die die Welt mit eher unwichtigen Infos füttert. Ja, ich stehe auf dem digitalen Marktplatz und schreie unentwegt: Hallo, hier bin ich!

Ich denke über vergangene Urlaube im Ausland nach. Ich merke wie bekloppt es war, seine Gedanken damit zu belagern, wo die nächste Wifi-Quelle sein könnte, anstatt das Hier und Jetzt aufzusaugen.

Es ist erschreckend, zu merken wie sehr man von dem digitalen Sein abhängig ist, wie sehr ich dvon abhängig bin. Ich ertappe mich selbst oft während des Digital Detox dabei, wie ich an mein Handy denke. Fehlt mir denn irgendetwas, also wirklich?? Nein! Im Gegenteil: Bereits am ersten komplett digital befreiten Tag empfinde ich es als Befreiung und Bereicherung darauf zu verzichten.

Das einzige, was mir ernsthaft fehlt und was ich auch eigentlich ungern während meines Digital Detox missen wollte (auch rückblickend nicht), ist die Leichtigkeit des Tippens. Ich habe schon immer ungern mit dem Stift geschrieben. Die Möglichkeit, das Getippte schnell wieder zu löschen als wäre es nie dagewesen, nimmt mir die Hemmung, ungezwungen darauf los zuschreiben. Außerdem ist meine Handschrift eine Katastrophe, was damals nicht nur meine Lehrer geärgert hat, sondern auch mich manchmal zur Verzweiflung bringt.

Mein Laptop ist übrigens komplett zu Hause geblieben. Nachdem ich dann nach einer ganzen Woche wieder daheim war, hat es mir aber wirklich schon in den Fingern gekribbelt und ich habe mich riesig gefreut, endlich wieder meinem Job als Blogger nachgehen zu können. Immerhin: Wenn man es nach so einer Zeit ohne „Arbeitswerkzeug“ dann immer noch vermisst, dann kann ich mir sicher sein, dass es der richtige Job für mich ist :-))

Trotzdem empfinde ich das sich Abwenden von der digitalen Welt als ein zu sich selbst zurückzufinden. Ich werde versuchen, nun jedes Mal für den Auftakt eines Urlaubes einige Tage ohne Handy und Laptop auszukommen, die Eindrücke aufzusaugen, um dann ab dem dritten oder vierten Tag vollgesaugt mit Eindrücken und euphorisiert arbeiten zu können.

What I was wearing:
Shirt - Pinko*
Skirt - Pinko*
Ancient Greek Sandals - Shoes

*Samples

16 comments

  1. Vivi

    Hey Vicky,

    eigentlich ein schöner Text und super tolle Bilder, wobei ja gerade durch den nachträglichen Post deine Gedanken und deine Entwöhnungskur wieder ad absurdum geführt werden, oder;-)? Und dass ich jetzt einen Kommentar schreibe, macht die Sache für dich auch nicht besser;-) Aber grundsätzlich stimme ich dir voll zu, dass man ab und an mal digitale Pausen braucht und sich dieser Handy- und Internetsucht entziehen muss!

    Liebe Grüße,
    Vivi

    Antwort
    1. Vicky

      Hi Vivi,

      danke für Deinen Kommentar. Welchen nachträglichen Post meinst Du denn genau?

      LG, Vicky

      Antwort
      1. Vivi

        Also ich meine genau diesen Post, indem du beschreibst, dass du dich digital entwöhnen willst... Weil das Schreiben darüber ja letztendlich wieder dazu führt, dass du dich mehr mit dem Computer beschäftigst...:-)

        Antwort
        1. Vicky

          Ah, ich weiss was du meinst. Aber ich schreibe ja auch, dass ich mir genau diese Woche bzw. Tage frei gehalten habe. Und aus diesem kompletten "Entzug" habe ich dann Schlüsse für die Zukunft gezogen.

          Antwort
    1. Vicky

      Schweden ist wirklich sehr toll, ich war das erste Mal dort und bereue es jetzt schon, dass ich vorher nie auf den Trichter gekommen bin!

      Antwort
  2. Alice

    Toller Blogpost! Danke, dass du deine Erfahrungen mit uns teilst 🙂
    Sowas muss ich auch mal machen. Ich merke in letzter Zeit einfach immer mehr, wv diese digitale Welt meine Gedanken einnimmt... es ist erschreckend. Ich bin froh, dass mein Freund mich immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzieht.

    Liebste Grüße,
    Alice

    Antwort
  3. Mel

    Liebe Vicky,

    ich finde, dass dieser Bericht einer deiner besten seit langem wieder ist. Als ich deinen Blog entdeckt habe, waren da viele solcher Posts, die immer genau in der richtigen Länge geschrieben waren und immer sehr tiefgründig waren und genau deine Gedanken und deine Gefühlswelt widergespiegelt haben, so kam es jedenfalls bei mir an und das fand ich immer sehr faszinierend. Leider fand ich deine Posts in den letzten Monaten immer etwas zu kurz, was verständlich und gar nicht schlimm ist, da du mit deinem anderen Job bestimmt wahnsinnig viel zu tun hast und vielleicht nicht mehr genau so viel Zeit hast wie vorher. Aber diese längeren Berichte habe ich sehr vermisst (genau wie deine Videos) also: Super, dass du wieder so was schreibst! Bitte noch viel mehr davon (wenn das geht) 🙂 Ich bin ein großer Fan von dir!

    Antwort
    1. Vicky

      Das ist ja so mega lieb von Dir, danke! Und danke für die offenen Worte, das hilft mir immer sehr weiter. Denn nur mit ehrlichem und aufrichtigem Feedback kann ich an meinem Blog arbeiten. Ja, ich habe gerade echt irrsinnig viel auf dem Zettel, da fehlt dann irgendwann die Kraft, noch mehr zu schreiben, wenn man denkt "ist doch ok". Was nicht heissen soll, dass ich mit weniger Liebe an meinem Blog arbeite. Ab August bin ich mit meiner "Ausbildung" durch und werde wieder mehr Zeit haben. Schön zu wissen, dass die langen Texte gut ankamen. :-**

      Antwort
  4. Lolli

    Hi Vicky,
    erstmal das war ein richtig schöner Bericht.
    Ich stimme dir im vollem und ganzen zu das man auch mal eine Pause von all den elektrischen Geräten braucht.
    Trotzdem freue ich mich jedes Mal, wenn du einen neuen Bericht hochgeladen hast (Dass man leider nur mit elektrischen Geräten tuen kann).

    Ich war leider noch nie in Schweden, obwohl ich es unbedingt, aus dem Bauch heraus ,mal besuchen will.
    Dazu wollte ich dich Fragen wie das Haus heißt?
    Ich hoffe das du mir meine Frage beantworten kannst,wenn nicht ,ist es auch nicht schlimm.

    Liebe Grüße,
    Lolli

    Antwort
    1. Vicky

      Hey, danke Dir für die lieben Worte :-)) Ich freue mich, dass Du gerne meine Posts liest. Schicke mir bitte Deine Mailadresse. Unter ABOUT findest du meine - dann sende ich Dir gerne die Webadresse :-*

      Antwort
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