Diary

Das Zeitalter der Like-Huren

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vickywanka_bikerlook_1Es ist morgens. Ich scrolle mich durch meine Facebook-Wall. Danach öffne ich Instagram. Verpickelt, mit zerzaustem Haar und ohne BH unter'm Shirt sitze ich mit krummem Rücken auf der Couch. Und fühle mich schlecht. Nicht, weil es mir schlecht geht. Sondern, weil meine Abonemments bereits jetzt perfekt durch den gelblichen Instagram-Filter lächeln und meine Realität ganz anders aussieht. Ich bin mir aber sicher: ihre auch. Sie zeigen es nur nicht.

Wenn ich mal eine Pause vom Fashion-Trubel habe, kriecht mir ein komisches Gefühl die Brust hoch. Wieder im Alltag angekommen, empfinde ich die ganzen Selfies als verzweifelte „HALLO HIER BIN ICH“-Rufe. Jeder versucht sich besonders hübsch/cool/edgy/... darzustellen, um möglichst viele Likes von Menschen zu bekommen, die wir nicht einmal kennen. Das ist nichts neues. Nur jetzt – nach etwas Abstand – fühlt sich das befremdlich an. Aber die traurige Wahrheit ist, dass alle genau diese verschönte, perfekte Welt von anderen sehen wollen. Sie fordern es regelrecht ein. Denn wenn ich z.B. ein zerstochenes Bild von mir nach der kosmetischen Ausreinigung poste, bekomme ich nicht einmal halb so viele Likes wie sonst und das Beste: Mir springen sogar noch Follower ab und deabonnieren mich asap!

Wie aus Reflex will ich das Bild mit wenigen Likes nach einigen Stunden löschen. Ich frage mich dann aber: Muss ich da wirklich mit machen? Will ich jeden Tag Bilder und Selfies von mir hochladen, auf denen ich entweder möglichst cool oder nett schaue, nur um möglichst viele Likes zu erhalten? Also, so ganz unabhängig von dem, was ich eigentlich wirklich posten will?

Ich höre von Bloggern, dass sie die Instagram-Bilder, die ja Momentaufnahmen sein sollen, gar nicht mehr in dem Augenblick hochladen, in dem sie das Foto machen. Nein, es wird vorher noch einmal durch Photoshop gejagt, um optimiert zu werden. Und so wird aus einer authentischen Jetzt-Aufnahme ein verzerrtes Bild des eigenen Ichs.

Besteht das, was uns wirklich ausmacht, nur noch aus kleinen, blauen Fäusten mit ausgestreckten Däumchen? Richten wir uns unterbewusst sogar schon automatisch danach, was viele Leute animieren könnte, zu liken und zu teilen? Content, der mich bewegt, aber von dem ich weiss, dass er nicht animiert, wird direkt aus dem Hirn gelöscht, bevor er in den Fingerspitzen angekommen ist. Ist das richtig?

Selbst, wenn wir authentisch sein wollen, so sind wir alle nicht vor diesen inneren Filtern gefeit, die unsere gesamte Realität komplett verschieben. Das reale "ICH" mutiert zum Cyber-Ich mit Themen, die unsere Community hören und sehen will, perfekt verpackt in hübschen Filtern. Und wir? Wo sind wir? Ganz ohne Filter, ohne Photoshop, ohne Make Up oder perfektes Styling?

Wir müssen wohl einfach akzeptieren, dass dies eine Zeit ist, in der wir nicht mehr das sagen und zeigen, was wir zeigen wollen, sondern das, von dem wir denken, was die meiste Anerkennung von der Community bringt. Und wenn man erst einmal in diesem Sog der Selbst-Inszenierung steckt – ich muss es zugeben – macht der Hype um die Hypes sogar Spaß.

20 comments

  1. Ralf

    Ich betreibe einen Coachingblog auf dem ich mich mit Themen wie Kommunikation, Scheitern und Konflikte beschäftige. Meine Fotos stammen aus meinen Urlauben, sind nicht bearbeitet und passen vielleicht nicht zum Text. Das ist mir aber egal, weil ich es gerade etwas unperfekt haben möchte. Ich mach das für mich nebenher. Es soll echt sein und nicht in Stress ausarten. Wenn du als Coach Geld verdienen willst sollst du authentisch sein, und ich glaube das bin ich.

  2. Kleidermotte

    Meiner Meinung nach ist jede Handlung im Internet eine Inszenierung. In dem Moment in dem du etwas schreibst oder ein Foto hochlädst, schaltest du Arbeitsschritte zwischen im Vergleich zu einer normalen Konversation, auch wenn du nur die Rechschreibung checkst.
    Selbst wenn man in dem Moment davon ausgeht, das was man inszenierst man selbst ist oder Versuch man selbt zu sein ist der kognigitve Zwischenschritt eine Inszenierung. Die Währung des Internet ist Aufmerksamkeit.

  3. Sebastian

    Recht hast Du. Aber wie sieht es mit Dir aus: Möchtest Du die (vielleicht oft langweilige) Realität der anderen sehen oder die schöne perfekte Welt in der man vielleicht viel lieber wäre?
    Ich denke allerdings auch, dass dieses Problem bei Mode- und Beautyblogs viel häufiger ist, als z.B. bei Elternblogs.

    1. Kleidermotte

      Das halt ich ehrlich gesagt für Quatsch. Die Art der Inszenierung ist nur eine andere. "Seht her, ich schminke mich nicht, ich inszeniere mich nicht" ist auch eine Art der Inszenierung. Gerade auf diesen Eltern Blogs ist die Welt doch immer perfekt, Kindchen ist klug und schön und die Erziehung optimal.

    2. Vicky

      Schöne Dinge schaut man gerne an, das geht jedem so. Eine verschönte Realität spricht Menschen einfach an. Deswegen funktioniert Werbung ja auch so gut

      1. Kleidermotte

        Ich finde ehrlich gesagt gar nichts verwerfliches dabei, muss ich sagen. So lange wir uns im klaren darüber sind und uns vor Augen führen, dass die Welt nicht perfekt ist und dass wir es auch nicht sein müssen ist das doch okay.

  4. Aurelia

    Ich konnte mich total in deinen Worten wiederfinden. Das traurige daran ist, als Blogger/in nährt man sich von Aufmerksamkeit... und sobald man spürt was die Masse sehen will, von der man an dem Punkt eigentlich mit Abhängigkeit verbunden ist, fängt man unausweichlich an zu inszenieren. Man fängt an Momente "vorzufotografieren", zu retuschieren... während man die Ansprüche der Menschen betrachtet, die man niemals vollends befriedigen kann. Ach ja... 🙂

  5. Aki

    Hi Vicky, finde den Post mal wieder wirklich super!
    Was die Likes betrifft, muss ich sagen, dass ich persönlich z.B. nur sehr selten Bilder auf Instagram like, und dann zugegebenermaßen auch nur die, die in meinen Augen wirklich "perfekt" sind. Was aber nicht heißt, dass mir die anderen (und deren Hintergründe oder Aussagen) nicht gefallen. Und ehrlich gesagt, finde ich es sehr viel interessanter und sympathischer, wenn Leute, wie du, eben auch einen Einblick "hinter die Kulissen" gewähren, statt sich immer nur perfekt darzustellen. Dass dir deswegen Follower abspringen finde ich wirklich traurig, aber die wollen dann wahrscheinlich tatsächlich lieber das perfekte "Vicky Lookbook" sehen...

  6. Linn

    Moin Moin liebe Vicky,
    soweit so gut. Ich gebe dir in vielen Punkten Recht- was ich aber nicht verstehe, ist dieser Satz: "Wir müssen wohl einfach akzeptieren, dass dies eine Zeit ist, in der wir nicht mehr das sagen und zeigen, was wir zeigen wollen, sondern das, von dem wir denken, was die meiste Anerkennung von der Community bringt. "
    Echt? Machst du das so? Oder habe ich das falsch verstanden?
    Kack doch drauf, wenn dir Follower abspringen, wenn sie deine Posts nicht mögen. Dafür kommen dann eben welche, die es umso mehr tun.
    Ich habe meinen Blog genau deswegen gestartet: Weil ich MEIN Ding machen wollte. Mich entfalten wollte, so wie ich bin und nicht so, wie mich andere gerne hätten.
    Mach DEIN DING! Have fun! Love yourself!
    Knutsch

    1. Vicky

      Hi Liebes, der Satz soll allgemein darstellen, wie ich viele Beiträge empfinde. Außerdem kann ich mir auch vorstellen - wie im Text beschrieben - dass wir teilweise gar nicht mehr objektiv wissen, was wir "natürlicherweise" posten würden, da wir alle schon so in dieser Like-Denke drin sind und gar nicht unvoreingenommen handeln KÖNNEN. Ich "kacke" leider nicht drauf, weil ich es schockierend finde, dass Menschen nur ein perfektes Bild wollen. Wenn Leute dem nicht entsprechen, wird deabonniert. Darüber mache ich mir echt Gedanken, weil es bestätigt, dass jeder nur tolle Fotos sehen will. Ich mache mein Ding, sonst würde ich solche Texte gar nicht posten. :-))) GLG und Bussis, Vicky

      1. Linn

        Ahhh, okay, ich verstehe! Alles andere hätte mich auch gewundert. Ich finde deine Bilder, auf denen du mal nicht perfekt aussiehst, immer sehr inspirierend und charmant. Auf denen kommt die Mode auch immer sehr gut rüber. Ich denke auch, dass der Trend gerade wegen dieser ganzen perfekten "Ich-seh-so-toll-aus!"-Posts langfristig auch dahin gehen wird.
        Wahrscheinlich liegt auch hier (wie immer) die Wahrheit in der Mitte!
        Mach dir nicht so einen Kopf...- hab einen lieben Tag!
        <3 Linn

        1. Vicky

          Ich mach mir gern nen Kopf und das behalte ich mir auch bei. Denn von manchen wünschte ich mir, dass sie sich mehr einen Kopp machten 😉 Ganz liebe Grüße <3

  7. Kucki

    Ich muss an dieser Stelle mal sagen, dass ich tatsächlich schon deabonniert habe, weil mir die ständig perfekten Bilder, das eine perfekter als das andere, echt auf den Keks gehen. Als ob, das Frühstück immer so aussieht, man immer perfekt gekleidet und hergerichtet ist und ja immer ach so viel aus seinem Leben macht. Alleine der Gedanke, dass das Frübstück nur für das Instagramfoto so drapiert wurde, lässt mir irgendwie den Appetit vergehen. Und dein Post hat mich daran erinnert, dass ich meine Abos mal ausmisten sollte. Da gehörst du aber eben nicht dazu, weil oft genug echt herüberkommst. Bitte behalte das bei.

    1. Vicky

      Haha, ja, das Essen schaue ich mir auch immer fasziniert an und denke mir: Krass, ich hätte vorm Essen gar keine Geduld, dieses fein säuberlich zu dekorieren. Schön sieht es ja aus. Aber real ist dies nicht.

  8. Aurelia

    Ja du hast total recht .. Die Follower erwarten schon von einem das ein perfektes Bild kommt aber man sollte doch so sein wie man ist und sich nicht verstellen nur damit man mehr Follower hat ..... also das was du da schreibst stimmt zu 100% Prozent !!!!

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