Diary

Wir werfen die Zeit weg

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jungsein

„Ich nehme den Job nur, wenn sie meinen Gehaltsforderungen nach kommen.“

„Ok...“

„Das mache ich zwei bis drei Jahre, dann habe ich gleich eine ganz andere Verhandlungsbasis.“

„Aber du bist doch nur jetzt jung?“

„Ja, eben!“

Ja, eben! Das dachte ich auch, als meine Freundin mir ihre ehrgeizigen Berufspläne darlegte. Ich kann sie verstehen. Vor einigen Jahren war ich auch noch so. Was sage ich – vor einigen Monaten. Das eigene Wohlbefinden war ganz unten angesiedelt. Und der berufliche Erfolg war ganz klar die Prio 1 im Leben. Dafür war ich auch bereit, meine Freunde deutlich weniger zu sehen und meine Familie zu vernachlässigen. Ich wäre sogar bereit gewesen, meinen Partner zu verlassen, hätte er nicht zu meinem Job "gepasst". Hauptsache performen, hauptsache erfolgreich sein.

Versteht mich nicht falsch: Meine jetzige berufliche Situation ist perfekt für mich und ich möchte sie am liebsten genauso einfrieren und wissen, dass es immer so weiter gehen würde. Aber es hat sich eben etwas geändert. Ich habe mich verändert.

Im Mai hat mich mein Freund zu einem Digital Detox gezwungen. Beziehungsweise hat er es durchgesetzt und ich habe mich im Endeffekt gerne gefügt. Denn tief im Inneren ist mir klar gewesen, dass diese niemals enden wollende Spirale des Arbeitens letzten Endes mit der Gesundheit bezahlt würde. Ich weiss gar nicht, woran es gelegen hat, vielleicht an meiner schlimmen Akne-Erfahrung in der vergangenen Zeit oder meine wiederaufflammende Neurodermitis, dem Piepen im Ohr oder auch meinem Backround mit Krankheit in der Familie. Der plötzliche Herzinfarkt eines Kollegen aus der Redaktion spielt da bestimmt auch mit rein.

Und genau deswegen gönne ich mir mehr. Nicht irgendwann, nicht in zehn Jahren, was wahrscheinlich der Plan meiner Freundin ist. Ich gönne mir genau jetzt mehr Zeit für mich. Mehr Zeit für Lebensqualität. Momente für mich und Menschen, die mir gut tun. Und nicht für jemanden oder etwas, für den ich austauschbar wäre. Warum sollte ich das auch?

Meine Freundin würde antworten: "Ich will genug Geld verdienen, damit ich mir keine Sorgen machen muss."

Ja, klar. Wer will das nicht?!

Und auch ihr Argument es „den Zweiflern zu zeigen“, kann ich zu gut nachvollziehen. Mehr sogar: ich hätte ihre Statements vor einigen Monaten noch blind unterschrieben.

Irgendetwas in meinem Hirn schaltet momentan aber komplett anders als noch vor einigen Monaten. Obwohl ich gerade erst Mitte 20 bin, ist mir irgendwie komplett bewusst, dass das Glück nicht von Dauer ist. Auch Gesundheit und Unbeschwertheit sind es nicht. Und schon gar nicht die Jugend. Ja, wir sind nur einmal jung und auch unsere Freunde sind es nur einmal. Aber wir werfen diese Zeit einfach weg. Wir gehen mit diesem Lebensabschnitt um als wären wir unsterblich.

Auch meiner Freundin habe ich versucht zu erklären, dass diese Jahre der Aufopferung für den Job Jahre sind, die sie nie wieder zurück bekommt. Es sind ihre Zwanziger, die bei einer 60-80 Stunden Arbeitswoche rückblickend wahrscheinlich einfach an ihr vorbei gerauscht sein werden. Sie werden einfach passiert sein und wir werden keine Chance haben, sie noch einmal zu erleben. Und die Zeit, die sie für sich hätte, nutzt sie meistens, um sich für den Job auszuruhen, um dann wieder performen zu können. Meine Freundin ist von ihrem Ding überzeugt, genauso wie ich es einst war und genauso wie ich es nun von meiner neuen Lebenseinstellung bin. Letzten Endes kann jeder nur für sich selbst entscheiden, was er tun möchte, welche Prioritäten er setzt und wie er für sich die Begrifflichkeit "Lebensqualität" umsetzt. Ich fange das erste Mal in meinem Leben an, mich zu entspannen und zu genießen. Und um ehrlich zu sein, möchte ich das ungern wieder her geben.

Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum ich nicht unbedingt mehr poste, obwohl ich ja jetzt viel mehr Zeit für meinen Blog hätte. Ich identifiziere mich zwar komplett mit meinem beruflichen Ich. Aber Gesundheit und Lebensqualität sind kein Kleidungsstück, das man eintauschen kann, wenn ein Mangel vorliegt. Sie sind sowas von einmalig, dass wir sie eigentlich jeden Tag auf ein neues feiern sollten. Wir sollten morgens aufstehen und vor Glück weinen, dass es uns verdammt gut geht. Und obwohl ich das Weinen morgens weg lasse, geht es mir gerade trotzdem verdammt gut und genau das möchte ich genießen, mit euch teilen und zum Denken anregen. Denn auch ihr seid nur einmal jung. Verschenkt das nicht.

9 comments

    1. Deine alte Schulfreundin Svenja

      Hey Vicky, wahre Worte, denen ich mich 100% anschliessen kann. Der Job ist nicht alles und sich darüber zu identifizieren ist gefährlich, denn jeder ist ersetzbar und wenn diese Einsicht zu spät kommt, dann bleibt nur noch das Bereuen. In dem Sinne, viel Spaß beim Kaffeetrinken in der Schanze oder wo auch immer! Svenni

  1. Lilly Calling

    Sehr schön geschrieben, Vicky. Mein Freund hat sich gerade auch in einer ähnlichen Situation befunden und endlich konnte ich ihn überzeugen, dass man seine Zwanziger nicht unbedingt für 80 Stunden Arbeit die Woche nutzen sollte, sondern zum Leben. Man ist nur einmal unter 30. 🙂
    XO, bis bald, Julia

  2. Mrs Globalicious

    Toller Bericht! Ich finde mich darin total wieder. In den letzten Monaten habe ich extrem gemekt, dass der Job nicht alles ist und die oberflächliche Sicherheit gar nicht mehr so sicher scheint, wie es dargelegt wird. Der Preis damit unglücklich zu werden ist schon sehr hoch heut zu Tage.

    Liebe Grüsse,
    Doris

  3. Iris

    Hey Vicky,
    ein ganz toller Text, und das Bild passt hervorragend dazu. Du siehst darauf richtig glücklich aus und umwerfend hübsch.
    Lg Iris

  4. Ralf

    Laut deutschem Arbeitsrecht, darf nicht mehr als 50 Stunden pro Woche gearbeitet werden, und das auch nicht auf Dauer. Ich verstehe einfach nicht, warum so viele Leute in der westlichen Welt glauben, mehr Arbeit sei mehr Erfolg und mehr Anerkennung (von anderen die wir warscheinlich auch nicht leiden koennen).

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