Diary

Sind wir irgendwann an einem Punkt, an dem wir schon alles gefühlt haben?

Anzeige - mit Affiliate-/Werbelinks

Ich sitze in der Bahn, meine Pupillen springen von Baum zu Baum. Die Sonne lässt sich nicht blicken. Lächeln soll helfen. Ich fühle mich nicht nach Lächeln, doch auch nicht nach weinen. Scheiße, Mann, ich fühle gar nichts! Ich will im Hier und Jetzt leben, atmen, denken, fühlen. Ich hasse dieses Gefühl, dass mich nichts beeindrucken kann. Es ist ein furchtbares Gefühl, so abgeklärt und voll blanker Realität. Und so sitze ich hier in meinem Schneckenhaus, geschützt wie im Bauch meiner Mutter. Hier fühle ich nicht die Stöße des Lebens. Eigentlich ganz gut. Aber ich fühle auch nicht das euphorisierende Hoch. Und das fehlt mir.

Sicher am Boden – doch macht emotionale Abgeklärtheit glücklicher?

Sind wir irgendwann an diesem Punkt in unserem Leben, an dem wir schon so viel Herzschmerz, Trauer, Glück und Euphorie durchlebt haben, dass uns nichts mehr so richtig aus der Bahn wirft oder kickt? Oder vermeiden wir vielleicht unterbewusst die emotionale Achterbahnfahrt, um uns zu schützen? Fliegen im emotionalen Schneckenhaus? Schwierig. Fallen tu' ich aber auch nicht. Es hält mich fest am Boden. Doch macht diese emotionaler Gleichgültigkeit auf Dauer glücklich?

Sind wir irgendwann an einem Punkt in unserem Leben, an dem wir schon alles gefühlt haben?

Es schleicht sich eine beängstigende Abgeklärtheit in mein bewusstes Empfinden: Ich bin gerade an einem Punkt, an dem mich nichts mehr so richtig beeindrucken kann. Ich weiß inzwischen, dass viele Dinge einfach nach Schema F ablaufen. Denn wer A sagt und den Stein ins Rollen bringt, der muss auch irgendwann B sagen und auf den bitteren Kern der süßen Lebensfrucht beißen. Ich liebe das Leben. Und ich habe Bock auf das Hoch. Aber ich habe Angst vor dem Tief. Deswegen sitze ich in der schützenden Isolationshaft meines Schneckenhauses, das mich vor den emotionalen Stößen des Lebens schützt.

 

Ich habe Bock auf das Hoch aber ich habe Angst vor dem Tief

Alles im Leben kann aufregend sein, vielleicht auch schmerzhaft oder ungewiss. Aber jede Emotion sollte es wert sein, alle Gefühle in Kauf zu nehmen. Oder fehlt nach mehreren Runden in der Achterbahn des Lebens irgendwann die Kraft dazu?Ich habe Bock auf das Hoch aber ich habe Angst vor dem Tief. Nicht etwa, weil ich Pessimist bin. Nein, weil ich die Hochs so sehr liebe und durch Lebenserfahrung weiß, dass die Tiefs danach wehtun. Gefühle jeglicher Art machen das Leben aus. Und Glücklichsein wollen wir alle. Aber der Denkfehler beginnt darin, die weniger glücklichen Zeiten zu verneinen. Denn das Umarmen aller Emotionen ist die Akzeptanz der Welt, wie sie ist. Mit Vermeidung der Tiefs entgehen mir auch die Hochs. Und am Ende des Tages gehe ich durch meine Vermeidungsstrategie leer aus, vermisse die emotionale Achterbahnfahrt, die einfach zum Leben dazugehört. Kein Hoch ohne Tief – aber eben auch kein Tief ohne Hoch.

 

2 comments

  1. Alex

    Hey Vicky, habe eben deine Story bei Instagram zu diesem Thema gesehen, deinen Artikel gelesen und würde dir gerne meine Gedanken dazu mitteilen 🙂

    Wenn unser Verstand unsere äußeren Einflüsse mit unseren Erwartungen vergleich, dann sind das im Ergebnis unsere Emotionen.
    Stelle dir vor du gehst an die frische Luft, deine Haut nimmt die äußerlichen Temperatur im Vergleich zu deiner Körpertemperatur wahr und sendet dann ein Signal an dein Hirn in Form von „kalt“ oder „warm“. Das gleiche psychologisch komplexe Phänomen passiert mit deinem Emotionen. Du gehst nach draußen, merkst das es kalt ist und gehst wieder rein, um dir eine Jacke zu holen.

    Oder ein drastischeres Beispiel: Du kommst nach Hause und erwischt deinen Freund mit einer anderen. Du bist umgehend stinksauer und geschockt. Danach trennst du dich von diesem Arschloch, genießt die Auseinandersetzung und gönnst dir ne massive Portion Eis auf der Couch.

    Emotionen sind dazu da, dass wir einen Anreiz bekommen, welcher stark genug ist, dass wir entweder unsere äußeren Umstände oder unsere Erwartungen anpassen/ändern.
    Noch ein Beispiel zur Verdeutlichung.
    Stell dir vor du arbeitest in einer tollen Agentur und du hattest DIE Idee für ein Kundenprojekt. Eine kurze Zeit später sprichst du mit eurem Projektleiter über diese Idee und stellst fest, dass Beate die doofe Nuss deine Idee als ihre ausgegeben hat. Ich würde sagen, die Chance das du ziemlich angepisst bist, ist groß. Du bist wütend, du fühlst dich verarscht und sicher geht dir der ein oder andere Rachegedanke durch den Kopf. Die Chance das du Beate deine Meinung geigst, ist nun ebenfalls sehr groß. Und dann wird’s ernst unterm Dach der heiligen Agentur, denn sowas lässt du dir nicht gefallen.

    Vermutlich blickst du zukünftig auch anders auf deine Arbeit und deine Karriere. Du bist gewarnt, weil du nicht möchtest das so etwas noch einmal passiert. Vielleicht tust du jetzt auch Zukunft noch mehr, dass deine Arbeit auch wirklich anerkannt wird.
    Das war vielleicht eine schmerzhafte und gemeine Erfahrung, aber deine Emotionen haben dich, glücklicherweise, dazu provoziert dich dieser Situation anzunehmen, sie durchzustehen und es in Zukunft wieder zu tun.

    Und genau das macht unsere Emotionen so unersetzlich und nützlich. Erstmal spielt es keine Rolle ob wir uns gut oder schlecht fühlen, solange sie dafür sorgen das wir das was vor uns liegt in Angriff nehmen.

    Doch das Ding ist, wenn das Leben sich mal wieder spontan überlegt mit Scheiße nach uns zu schmeißen, dann müssen die Emotionen auch zu unserer Situation passen. Wenn wir also auch fröhlich pfeifend durchs Leben laufen, wenn wir eigentlich total sauer sein müssten, dann helfen auch die Emotionen nicht damit fertig zu werden.

    Shit, wie sollen wir nur überleben?
    Aber genau das ist das Problem mit der heutigen Always-Try-To-Be-Happy-Du-Kannst-Alles-Schaffen- Mentalität. Genau deswegen sind die meisten Arschlöcher. Statt die Situationen mit den richtigen Emotionen anzugehen, legen die Menschen einfach mal Insta-Like n Filter drüber und finden sich plötzlich *Snap* in einer Sonnenschein-Bullshit-Snap-Welt wieder. Herrlich! So schön selbst verarscht.

    Kluges Wort: Emotionale Diversifikation
    Geiles Wort! Ist aber gar nicht so kompliziert.. Im Grunde geht es nur darum eine große Anzahl von Emotionen zu erfahren. *Magie erloschen..*

    Es hat sich gezeigt, dass Menschen die viele gute und viele schlechte Emotionen erfahren haben, sowohl physisch als auch mental weniger anfällig sind, als Menschen bei denen es nur gut und böse gibt.

    Wenn du oft stinksauer bist, dann bist du damit vertraut und kannst besser damit umgehen. Wenn du die Liebe kennst, dann bist du damit vertraut und lernst von Mal zu Mal dazu. Doch das ist natürlich noch nicht alles. Es gibt auch „emotionale Unterkategorien“. Was sind das? Freude, Amüsement, Dankbarkeit, Hoffnung, Liebe, Stolz, Schuldgefühle, Angst, Scham, Verzweiflung usw …

    Wissenschaftler glauben, dass je mehr dieser Emotionen wir erfahren, desto eher sind wir in der Lage zukünftig zu identifizieren was diese Emotionen auslöst. Klingt logisch, oder?

    Und da wir nun ganz genau wissen warum wir uns fühlen, wie wir uns fühlen, können wir natürlich auch angemessen reagieren. Wenn ich jetzt auch noch sage, dass man das lernen kann, dann fallen sicher gleich wieder einige vom Hocker. Wenn wir in der Lage sind uns unsere Emotionen bewusst zu machen, sind wir selbstbewusster und das wiederum ist ein großer Faktor wenn es darum geht glücklich zu sein.

    Warum brauchen wir das?
    Weil sonst genau solche Emotionen-Definieren-Die-Welt Mentalitäten entstehen. Die Menschen sind IMMER scheiße zu mir. Das Leben ist IMMER schön. Der Typ hat IMMER Schuld. Oder du bist IMMER der Narzisst, weil du auf die Bilder der Abschlussklasse wichst.(pardon)

    Emotionen sind oberflächliche Dinge die auf der Durchreise sind. Sie sind nicht endgültig und nicht für immer. Emotionale Diversifikation zeigt uns das Gefühle kommen und gehen.

    Wenn du jetzt sauer bist, dann ist das in Ordnung. In ein paar Stunden wirst du es nicht mehr sein.
    Wenn du dich jetzt schlecht fühlst, dann ist das ok, irgendwann wirst du dich besser fühlen.
    Wenn du jetzt glücklich bist, dann ist das super. Genieß es, denn der nächste Struggle of Life wartet bereits.

    Der Schlüssel ist die eigene Wahrnehmung zu schulen.
    Nimm wahr und akzeptiere einfach was du fühlst und wann du es fühlst. Das klingt super dämlich und einfach, ich weiß. Aber wir brauchen das, um zu identifizieren woher diese Emotionen kommen, um dann im nächsten Schritt zu unterscheiden und zu entscheiden, was wir mit diesen Emotionen anstellen.

    Es geht nicht darum permanent glücklich und zufrieden zu sein. Wir müssen nicht immer dieser perfekten Welt nacheifern und alles zum strahlen bringen. Wir dürfen auch mal scheiße drauf und traurig sein.

    Es dreht sich alles darum dir dessen bewusst zu sein und diese Wahrnehmung zu deinem Vorteil zu nutzen. Wut kann dafür sorgen, dass du etwas in Angriff nimmst. Trauer kann zu Akzeptanz führen. Schuld kann zu Veränderung führen. Nervosität kann zur Motivation werden. Im Leben geht es nicht darum seine Emotionen vollständig im Griff zu haben. Das ist unmöglich. Emotionen kommen und gehen, ob wir das nu n wollen oder nicht.

    Was wir aber tun können, ist unsere Emotionen zu lenken. Jede Emotionen ist wie eine neue Fähigkeit, welche wir für uns nutzen können. Wie ein Ninja eben. Wir lernen mit Schwertern zu kämpfen, uns an Stangen lang zu hangeln, schnell und beweglich über Hindernisse zu springen.

    All diese Emotionen sind dazu da uns durch die Erfahrungen des Lebens zu lenken, welche wir täglich machen.

    SO!
    Sorry... das ist nun unverschämt lang. Aber vielleicht ist das ja interessant für dich (oder hilfreich)..oder oder oder 🙂
    Hab einen schönen Sonntag

    1. Vicky

      Hi Alex, wow, dein Kommentar hat mich echt umgehauen. Da steckt so viel drin, so viele interessante Ansätze, auf die ich selbst noch gar nicht gekommen bin. Ich finde es vor allem toll, dass du die Quintessenz meines Textes aufgegriffen und daraus einen neuen, weiterführenden Text geformt hast. Anscheinend waren meine Formulierungen teilweise nicht so gut gewählt, weshalb ich "Alles Gute"-Nachrichten erhalten habe, was überhaupt nicht beabsichtigt war. Denn mir geht es gut, nur die emotionalen Achterbahnfahrten lassen mit der Zeit und der Erfahrung nach. Besonders gut gefällt mir deine Idee, dass dies einfach eine natürliche Reaktion ist und es an uns liegt, unsere Emotionen zu lenken. Großartige Worte, vielen Dank! :-*

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.