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Diary

Bali heilt

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DER START EINER REISE – WENN ALLES ANDERS KOMMT

Ich starre mit festgetackertem Blick auf das WC-Zeichen im Flieger, merke das Ruckeln der Maschine, das entsteht, wenn sie die verschiedenen Luftschichten durchstößt. Ich habe mir das irgendwann mal angelesen, weil ich mit Mitte Zwanzig wie aus dem Nichts eine unglaubliche Flugangst entwickelt habe. Das Wissen über die Abläufe im Flugzeug beruhigt mich. "Krass, sollte Bali nie stattfinden und ich werde jetzt abstürzen?", ist einer der ersten weirden Gedanken, die mir in den Sinn kommen. "Quatsch", korrigiere ich meine innere Drama-Queen. "Beruhige dich, lass los, du fliegst nach Bali - zwar alleine - und wenn schon?! Ist jetzt so, andere machen Dinge auch alleine und du doch auch ständig". Ich bekomme mit meinem inneren Monolog meine körperliche Überreaktionen, sprich Tränenkanäle und Atmung, in den Griff. Meine Angsthasen-Emotionen sind jedoch nur Schlafen gelegt und ich höre den inneren Kritiker in mir lauter werden:

ZUM BALI PODCAST:

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"Jetzt ergibt alles einen Sinn und alles wird gut, die emotionalen Mühen aus dem letzten Jahr werden sich nun in einen Sinn verwandeln" - unter diesem Stern stand bislang der Trip in meinem Kopf. Und nun sitze ich hier allen Ernstes alleine im Flieger? Nach diesem Jahr sollte es reibungslos laufen, es hat sich doch so perfekt ergeben, was zur Hölle ist jetzt schon wieder los? Fängt 2019 an wie das verkorkste 2018 geendet hat?

EIN SCHICKSALSTRIP?

Als ich meine Reise angetreten bin, wusste ich, dass dies ein Schiksals-Trip werden würde. Aus dem ganz einfachen Grund, dass ich alleine reisen wollte, es aber wohl niemals getan hätte. Ich wollte buchen, ich hatte aber diese Blockade. Es kam mir also ganz gelegen, als eine Freundin aus London meinte, sie hätte nun spontan in ein paar Tagen Zeit mir mir knapp zwei Wochen lang alle Sachen zu packen und los geht's!

"Ich könnte dann ja ein wenig länger bleiben", war mein Gedanke. Und "Irgendwie schicksalhaft, dass sich nun alles fügt", ein weiterer. Wir buchten einigen Tage zuvor die Flüge und ehe ich mich versah, sitze ich bereits eine Woche später im Flieger.

Das Flugzeug rollt schon, als ich mein Handy ein letztes Mal heraushole, um es in den Flugmodus zu schalten. Eine Nachricht leuchtet auf meinem Display auf "Vicky, sie lassen mich nicht in den Flieger!". Ich atme stoßartig aus und tippe "Sehr, witzig, Maja". Vor einigen Tagen machte sie bereits Panik, dass der Umschlag ihres Reisepasses etwas beschädigt sei und in Indonesien wohl sehr streng dahingehend kontrolliert werden würde. "Beruhige dich", ermahnte ich sie. "Man kann doch alles erkennen, was sollte denn da schief gehen?".

Der Kerosin-Geruch im Flugzeug bereitet mir plötzlich Kopfschmerzen. Ich tippe weiter "Jetzt dein ernst?". Das Flugzeug beschleunigt, "Ja", schreibt Maja von London Stansted aus. Ich merke, wie sich mir die Kehle zuschnürt, während die Maschine abhebt. Flugmodus, meine Fragen ungeklärt, ein unguter Druck auf meinem Hals. Wie bei einer Orange, die man presst und sich der Saft seinen Weg aus dem Fruchtfleisch nach draußen kämpft, fühle ich mich in dem Moment mit meinem Hals. Je mehr er schnürt, desto mehr Tränenflüssigkeit sammelt sich in meinen Augen. "Du kannst jetzt nicht heulen", sage ich mir. "Fuck, konzentrier dich!"

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BALI HEILT

Der Geruch von Räucherstäbchen, das herzliche Lächeln der Einheimischen, die klebrig stickige Luft, die nie abreissende Geräuschkulisse a la Dschungelbuch, das ständig begleitende Krähen von Hähnen, das Knattern und Hupen der Mopets, egal wo man sich auf der Insel befindet. Und im Kontrast dazu diese heilende Ruhe, die unweigerlich in einem selbst Einzug hält, wenn man sich auf die Magie der Insel und ihre Schönheit einlässt.

"Bali heilt", hat mir jemand gesagt. Ich wusste nicht so richtig, was das bedeuten sollte. Doch nach einiger Zeit spürt man es. Es sind nicht nur die knapp 12.000 km, die eine Distanz zu allem, was zu Hause geblieben ist, hervorruft. Irgendetwas passiert mit einem dort. Irgendetwas lässt Frieden einkehren, Abstand gewinnen und Weisheit und Akzeptanz in der Brust fühlen.

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EIN GESPRÄCH MIT EINEM FREMDEN

"When it’s true you can’t say it. When you can say it it’s not true", ich sitze im Meditationsraum und lausche den Worten eines Fremden. Allein an meiner Erscheinung scheint er zu merken, dass ich suche, dass ich Fragen habe und ohne Zustimmung meinerseits, sagt er mir, ich würde die Antworten in der Stille finden: "Ask yourself a question, in being silent, you listen and get an answer."

silent=listen

Ich bin geflasht, überwältigt und höre zu. Der Moment ist so intensiv, dass es mir kaum möglich erscheint, meinen Worten den nötigen Nachdruck zu geben, um die Situation angemessen zu beschreiben. Irgendwann laufen mir die Tränen von den Wangen. Ich kann euch auch hier nicht konkret sagen, warum. Dieser Augenblick ist so ehrlich, so wahrhaftig und ich fühle mich so nackt und rein, passiv vor diesem Mann zu sitzen und demütig seinen Worten zu lauschen, ohne das Gefühl zu haben, lauter sein zu müssen oder hinterfragt oder verurteilt zu werden. So ist es oft in Deutschland, wenn ich Menschen kennenlerne. Sie akzeptieren nicht, wenn man anders ist. Sie stellen in Frage, bohren und beurteilen, gleichen mit dem eigenen Weltbild ab, anstatt zuzuhören und sich auf andere einzulassen, verurteilen sie, sind anmaßend und kaschieren ihre eigene Unsicherheit dadurch, dass sie den anderen fokussiert in ein schlechtes Licht stellen.

"You are different, people judge you, just let them do it. Your tears are showing your strength, you are stronger than someone who fights against his tears. I mean isn't it strong to just cry instead of feeling ashamed of it? You will get your answers, just be ready. When you are not they will overwhelm you."

Am Ende fragt er, was mein Job wäre. Ich sagte, ich blogge seit acht Jahren. "Okay and what do you wanna do?". Ich bin mir nicht sicher, was ich sagen soll. Ich hinterfrage gerade ja ziemlich alles und jeden, mit dem ich mich umgebe, hatte damit geliebäugelt, mich vielleicht Richtung Coaching fortzubilden. So konkret ist der Gedanke allerdings bislang noch nicht gewesen als dass ich ihn laut formulieren wollte. Ich habe die Vibrationen zwischen uns unterschätzt, denn so tut er es:

"This place is magical, be wise what you wish for"

"Once i was telling to myself, I want to be successful in what i‘m doing - but not more successful as i‘m able to enjoy it"

Er schaut mich an und ohne darauf einzugehen sagt er: "You want to help and coach other people", ich lache. Nach diesen intensiven vorangegangenen Stunden wundert es mich nicht, dass er das weiß. Doch trotzdem verrückt, oder?

NUR EIN TOURI-SPAß?

Kritiker könnten jetzt sagen, das, was mir dort gesagt wurde, könnte auf jeden zutreffen und er würde hier nur die allwissende Yogi-Karte ziehen, um dummen Touristen etwas zu erzählen.

Doch dieses Treffenh steht stellvertretend für alles, was ich auf Bali erlebt habe. Wer selbst einmal dort war und sich fernab der Touri-Schedules auf die Menschen eingelassen hat, wird bestätigen können, dass die Menschen eine hohe emotionale Intelligenz besitzen. Sie sind bei sich, sie beobachten und sie "spüren".

Während meiner Reise gibt es das ein oder andere Gespräch, das mir wie dieses hier nachwirkend einen Schauer beschert, während ich daran denke. Und während ich Bruchteile davon runtertippe, fühle ich mich als würde ich einen Film nacherzählen und so viele wichtige Details vernachlässigen. Seine Worte wirken nach, ich spüre diese Energie und der Versuch, euch daran teilhaben zu lassen, indem ich die Begegnung aufschreibe, wird dem nicht gerecht. Was hat er gesagt? "When it's true, you can't say it" - und vielleicht ist dieser Moment so wahrhaftig gewesen, dass man ihn mit dem Verstand gar nicht greifen kann und es vielleicht nicht wirklich muss.

EIN SCHIKSALSTRIP!

Wenn ihr so wie ich tickt und nach Antworten, Zeichen und einem übergeordneten Sinn in Dingen sucht, dann versteht ihr mein Denken im Nachgang, dass diese Reise mit ihren Höhen und Tiefen für mich persönlich nicht hätte besser ablaufen können.

Auch wenn es anfangs schwer war, zu akzeptieren, dass ich nun doch mehr oder weniger ungewollt auf mich selbst gestellt bin, ist das alles rückblickend betrachtet super wichtig für mich persönlich gewesen. Ich habe nach Antworten gefragt und ich wurde in die Richtung geschubst, um sie zu erhalten.

WAS HABE ICH GELERNT? EINER MEINER GRÖßTEN DENKFEHLER...

Auf Bali habe ich oft gehört: "When something comes into your mind that isn't a good thought or something that hurts, just let it. It is there. But don't analyse, just observe, look at this feeling and accept it."

Einer meiner größten Denkfehler, die ich unter Anderem auch letztes Jahr gemacht habe, war es, davon auszugehen, alles positiv sehen zu müssen. Diese falsch verstandene Art des verkrampften "Wir wachen morgens auf und lächeln, dann wird der Tag gut" entfremdet den Grundgedanken, der eigentlich hinter allem steckt: Alles anzuerkennen, wie es ist. Und dadurch Licht und Schatten hinzunehmen. Indem wir allerdings versuchen durch diese Neo-Positive-Bewegung alles nur noch aus einem krampfhaft guten Licht wahrzunehmen, bauen wir Druck auf. Uns selbst gegenüber und den Dingen, die einfach nicht supi sind, egal wie doll wir sie anlächeln.

Diese Art des Denkens hat urplötzlich alle Knoten gelöst. Sobald mir Dinge in den Kopf kommen, die mir weh tun, erkenne ich sie als das an, was sie sind: Ein Gefühl, das gerade da ist und das wieder geht. Ich versuche nicht, es zu verjagen oder zu verurteilen, nicht zu analysieren oder zu stigmatisieren. Es ist da, es guckt sich um und ich beobachte es.

Ich muss dabei an den Tiger von Life of Pie denken, der ab und zu unter seiner Plane hervorkommt, mal gewaltiger, mal geschwächter. Doch er verschwindet auch immer wieder und das Boot findet mit oder ohne ihn seinen Weg über den Ozean. Es bringt nichts, die Tatsache nicht zu akzeptieren, dass Richard Parker da ist. Er ist es und wenn er hervor kommt, dann wird es einen Weg geben, damit umzugehen. Verleugnen wir diese Tatsache hingegen, wird die Realität entfremdet und wir blockieren unsere Fähigkeiten, mit dem, was da ist, umzugehen, daraus Kraft zu schöpfen und einfach weiterzumachen.

Danke, Bali, für diese Erkenntnis. Danke für die kleinen Momente, die großes in mir ausgelöst haben. Waren eure Erfahrungen mit euch selbst auf Bali auch so intensiv? Ich bin schrecklich neugierig und würde sehr gerne mit euch in den Austausch treten 🙂 Hinterlasst mir gerne einen Kommentar <3

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